Rund 1,3 Milliarden Menschen weltweit leben mit einer Form von Behinderung -- das entspricht etwa 16 Prozent der Weltbevölkerung. Dennoch sind die meisten digitalen Produkte nicht für alle Menschen zugänglich. Barrierefreies Design, oft unter dem englischen Begriff Accessibility (kurz: a11y) zusammengefasst, ist weit mehr als ein nettes Extra: Es ist eine ethische Verantwortung, ein wirtschaftlicher Vorteil und ab 2025 in vielen Fällen auch eine gesetzliche Pflicht.
Was bedeutet Barrierefreiheit im digitalen Kontext?
Digitale Barrierefreiheit bedeutet, dass Websites, Apps und andere digitale Produkte so gestaltet sind, dass alle Menschen sie nutzen können -- unabhängig von körperlichen, sensorischen oder kognitiven Einschränkungen. Das betrifft nicht nur Menschen mit dauerhaften Behinderungen, sondern auch Personen mit temporären Einschränkungen (zum Beispiel einem gebrochenen Arm) oder situativen Hindernissen (etwa grelles Sonnenlicht auf dem Display).
Barrierefreiheit umfasst dabei ein breites Spektrum an Bedürfnissen: Blinde Nutzer verwenden Screenreader, um Inhalte vorgelesen zu bekommen. Gehörlose Menschen benötigen Untertitel für Videos. Menschen mit motorischen Einschränkungen navigieren per Tastatur statt mit der Maus. Und Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen profitieren von klarer Sprache und konsistenter Navigation.
"Design ist nicht nur, wie etwas aussieht. Design ist, wie etwas funktioniert -- und zwar für alle."
Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz: Was kommt auf Unternehmen zu?
Mit dem European Accessibility Act (EAA) hat die Europäische Union eine Richtlinie geschaffen, die in Deutschland durch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) umgesetzt wird. Seit dem 28. Juni 2025 müssen zahlreiche Produkte und Dienstleistungen die Anforderungen an Barrierefreiheit erfüllen. Das betrifft unter anderem:
- E-Commerce-Websites und Online-Shops
- Banking- und Finanzdienstleistungen
- E-Books und E-Reader
- Telekommunikationsdienste
- Personenbeförderungsdienste
- Computer und Betriebssysteme
Wichtig zu wissen: Das BFSG gilt nicht nur für große Konzerne. Auch kleine und mittelständische Unternehmen, die digitale Produkte oder Dienstleistungen anbieten, können betroffen sein. Ausnahmen gelten nur für Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Mitarbeitenden und einem Jahresumsatz unter 2 Millionen Euro. Ein frühzeitiger Accessibility-Check Ihrer digitalen Angebote ist daher dringend empfohlen.
Die Konsequenzen bei Nichteinhaltung sind spürbar: Neben Abmahnungen und Bußgeldern drohen auch Reputationsschäden. Unternehmen, die jetzt in Barrierefreiheit investieren, verschaffen sich einen klaren Wettbewerbsvorteil.
WCAG 2.1: Das Fundament barrierefreier Gestaltung
Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1 sind der internationale Standard für barrierefreie Webinhalte und bilden auch die Grundlage der europäischen Norm EN 301 549. Die Richtlinien basieren auf vier zentralen Prinzipien -- den sogenannten POUR-Prinzipien:
1. Wahrnehmbar (Perceivable)
Informationen und Bestandteile der Benutzeroberfläche müssen so dargestellt werden, dass Nutzende sie wahrnehmen können. Das bedeutet: Textalternativen für Bilder, Untertitel für Videos, ausreichende Farbkontraste und die Möglichkeit, Inhalte in verschiedenen Darstellungsformen zu konsumieren.
2. Bedienbar (Operable)
Alle Funktionen der Benutzeroberfläche müssen über verschiedene Eingabemethoden bedienbar sein. Dazu gehört die vollständige Tastaturnavigation, ausreichend Zeit für die Interaktion, der Verzicht auf Inhalte, die Anfälle auslösen können, sowie klare Navigationsstrukturen.
3. Verständlich (Understandable)
Sowohl die Informationen als auch die Bedienung der Oberfläche müssen verständlich sein. Das umfasst lesbare Texte, vorhersagbares Verhalten der Benutzeroberfläche und eine gute Fehlervermeidung bzw. hilfreiche Fehlermeldungen in Formularen.
4. Robust (Robust)
Inhalte müssen so entwickelt sein, dass sie von verschiedenen User-Agents -- einschließlich assistiver Technologien -- zuverlässig interpretiert werden können. Sauberer, standardkonformer Code und semantisches HTML sind hier die Schlüssel.
Konformitätsstufen: Die WCAG definiert drei Konformitätsstufen -- A (Mindestanforderung), AA (empfohlener Standard) und AAA (höchste Stufe). Für die gesetzliche Konformität in der EU wird in der Regel die Stufe AA vorausgesetzt, die insgesamt 50 Erfolgskriterien umfasst.
Praktische Tipps für barrierefreies Design
Barrierefreiheit muss kein überwältigendes Unterfangen sein. Mit den folgenden Maßnahmen legen Sie ein solides Fundament:
Farbkontraste richtig einsetzen
Text muss sich ausreichend vom Hintergrund abheben. Die WCAG-Stufe AA verlangt ein Kontrastverhältnis von mindestens 4,5:1 für normalen Text und 3:1 für großen Text (ab 18pt oder 14pt fett). Verwenden Sie Tools wie den WebAIM Contrast Checker oder die Browser-Entwicklertools, um Ihre Kontraste zu prüfen. Vermeiden Sie es zudem, Informationen ausschließlich über Farbe zu vermitteln -- nutzen Sie zusätzlich Icons, Muster oder Textlabels.
Vollständige Tastaturnavigation
Jedes interaktive Element -- Links, Buttons, Formulare, Menüs, Modale -- muss per Tastatur erreichbar und bedienbar sein. Der Fokus-Indikator (der sichtbare Rahmen um das fokussierte Element) darf niemals mit outline: none entfernt werden, ohne eine gleichwertige Alternative zu bieten. Testen Sie Ihre Website regelmäßig, indem Sie ausschließlich die Tab-Taste zur Navigation verwenden.
Screenreader-Kompatibilität
Screenreader lesen den DOM Ihres Dokuments vor und übersetzen visuelle Informationen in Audio- oder Braille-Ausgabe. Damit das funktioniert, benötigen Sie:
- Semantisches HTML: Verwenden Sie die richtigen HTML-Elemente für ihren Zweck --
<nav>für Navigation,<main>für den Hauptinhalt,<button>für Buttons statt gestylte<div>-Elemente. - ARIA-Attribute: Wo semantisches HTML nicht ausreicht, helfen ARIA-Rollen und -Eigenschaften (z.B.
aria-label,aria-expanded,aria-live). Aber Vorsicht: Die erste Regel von ARIA lautet -- nutzen Sie kein ARIA, wenn es ein natives HTML-Element gibt. - Sinnvolle Überschriftenhierarchie: Überschriften (
<h1>bis<h6>) strukturieren das Dokument und ermöglichen Screenreader-Nutzern die schnelle Navigation. Überspringen Sie keine Ebenen.
Aussagekräftige Alternativtexte
Jedes informative Bild benötigt einen Alt-Text, der den Inhalt und die Funktion des Bildes beschreibt. Dekorative Bilder erhalten ein leeres alt=""-Attribut, damit Screenreader sie überspringen. Vermeiden Sie generische Beschreibungen wie "Bild" oder "Foto" -- beschreiben Sie stattdessen, was auf dem Bild zu sehen ist und warum es relevant ist.
Formulare zugänglich gestalten
Verknüpfen Sie jedes Eingabefeld mit einem sichtbaren <label>-Element. Verwenden Sie Fehlermeldungen, die klar beschreiben, was schiefgelaufen ist und wie der Fehler behoben werden kann. Gruppieren Sie zusammengehörige Felder mit <fieldset> und <legend>. Und verzichten Sie auf Platzhaltertext als einzige Beschriftung -- er verschwindet bei der Eingabe und bietet zu wenig Kontrast.
Der Business Case: Warum sich Barrierefreiheit wirtschaftlich lohnt
Barrierefreiheit ist nicht nur eine ethische und rechtliche Angelegenheit -- sie macht auch aus geschäftlicher Sicht Sinn:
- Erweiterte Zielgruppe: In Deutschland leben etwa 7,9 Millionen schwerbehinderte Menschen. Hinzu kommen Millionen älterer Nutzer, die von barrierefreien Interfaces profitieren. Jede Barriere auf Ihrer Website ist ein potenziell verlorener Kunde.
- Besseres SEO: Viele Accessibility-Maßnahmen -- semantisches HTML, Alt-Texte, klare Überschriftenstrukturen, beschreibende Linktexte -- sind gleichzeitig Best Practices für die Suchmaschinenoptimierung.
- Höhere Usability für alle: Barrierefreie Websites sind in der Regel besser strukturiert, schneller ladend und einfacher zu bedienen -- davon profitieren ausnahmslos alle Nutzer.
- Rechtssicherheit: Frühzeitige Investitionen in Barrierefreiheit schützen vor Abmahnungen, Bußgeldern und nachträglichen, deutlich teureren Anpassungen.
- Markenwerte und Reputation: Unternehmen, die sich sichtbar für Inklusion einsetzen, stärken ihre Marke und positionieren sich als verantwortungsbewusst und zukunftsorientiert.
"Wenn wir für die Ränder designen, designen wir am Ende besser für alle."
So starten Sie: Der Accessibility-Audit als erster Schritt
Der effektivste Einstieg in das Thema Barrierefreiheit ist ein systematischer Accessibility-Audit Ihrer bestehenden digitalen Produkte. Dabei gehen Sie idealerweise in mehreren Schritten vor:
Automatisierte Tests
Tools wie axe DevTools, Lighthouse (in Chrome integriert), WAVE oder Pa11y identifizieren technische Accessibility-Probleme automatisch. Sie erkennen fehlende Alt-Texte, unzureichende Kontraste, fehlende Labels und fehlerhafte ARIA-Attribute. Beachten Sie jedoch: Automatisierte Tests decken nur etwa 30 bis 40 Prozent aller Accessibility-Probleme auf.
Manuelle Tests
Ergänzen Sie automatisierte Tests durch manuelle Prüfungen: Navigieren Sie Ihre Website ausschließlich mit der Tastatur. Testen Sie mit einem Screenreader (z.B. NVDA unter Windows oder VoiceOver unter macOS). Prüfen Sie die Seite bei 200 Prozent Zoom. Versuchen Sie, alle Inhalte auch ohne Farbe zu verstehen.
Nutzer-Tests mit Betroffenen
Die wertvollsten Erkenntnisse gewinnen Sie, wenn Sie Menschen mit Behinderungen direkt in Ihren Testprozess einbeziehen. Kein automatisiertes Tool kann die reale Nutzungserfahrung eines Screenreader-Nutzers oder eines Menschen mit motorischen Einschränkungen vollständig simulieren.
Priorisierung und Roadmap
Auf Basis des Audits erstellen Sie eine priorisierte Roadmap. Beginnen Sie mit den schwerwiegendsten Barrieren -- typischerweise fehlende Tastaturnavigation, fehlende Alt-Texte und unzureichende Kontraste -- und arbeiten Sie sich schrittweise vor. Barrierefreiheit ist kein einmaliges Projekt, sondern ein fortlaufender Prozess, der in Ihre Design- und Entwicklungsworkflows integriert werden sollte.
Unser Tipp: Integrieren Sie Accessibility-Checks in Ihren CI/CD-Pipeline. Tools wie axe-core lassen sich in automatisierte Testsuiten einbinden, sodass neue Accessibility-Probleme direkt beim Deployment erkannt werden. So verhindern Sie, dass sich technische Schulden aufbauen.
Fazit: Barrierefreiheit ist eine Investition in die Zukunft
Barrierefreies Design ist kein Trend, der wieder vergeht -- es ist eine grundlegende Qualitätsanforderung an digitale Produkte. Mit dem Inkrafttreten des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes wird Accessibility für viele Unternehmen zur Pflicht. Aber selbst ohne gesetzliche Vorgaben sprechen die ethischen und wirtschaftlichen Argumente eine deutliche Sprache.
Der beste Zeitpunkt, mit Barrierefreiheit zu beginnen, war gestern. Der zweitbeste ist heute. Starten Sie mit einem Audit, sensibilisieren Sie Ihr Team und machen Sie Accessibility zu einem festen Bestandteil Ihres Design- und Entwicklungsprozesses. Ihre Nutzer -- alle Ihre Nutzer -- werden es Ihnen danken.